Initiative für
Wissenschaftliche Medizin

Pseudomedizin per Parlamentsbeschluss in die Universitäten und Krankenkassen?

Es ist bekannterweise der Homöopathieindustriefirma Hevert in Deutschland nicht gelungen, die öffentliche Darstellung des Standes der medizinischen Wissenschaft durch Androhung von Klagen zu verhindern. Und wie im Geheimwebinar der Homöopathiegesellschaft von einem Homöopathielobbyisten festgestellt, es läuft offensichtlich nicht mehr so gut für die Homöopathie wie erhofft.

Zahlreiche Ärztekammern in Deutschland haben z.B. die Zusatzausbildung Homöopathie gestrichen. Der Homöopathielobbyist Dr. Jens Behnke empfiehlt in einem Geheimwebinar eine Allianz der Alternativmedizin

".....und wenn wir jetzt nicht diese breite Allianz bilden, um dann auch entsprechende professionelle PR- und Lobbyarbeit zu machen, das ist es nämlich, was wir machen müssen, dann wird das alles abgeräumt...."

Durch einen solchen Schulterschluss von Pseudomedizin und einer politischen Partei soll jetzt in Österreich versucht werden, der Pseudomedizin den Weg zu ebnen.

Univ. Prof. Dr. Harald Sitte, Pharmakologe an der Medizinischen Universität Wien, hat uns darauf hingewiesen, dass ein Entschließungsantrag im Parlament mit folgenden Forderungen gestellt wurde:

„1) Die Verankerung des Fachgebietes „Komplementärmedizin" als Integrative Medizin in der akademischen Ausbildung an den Medizinischen Universitäten.
2) Eine entsprechende Unterstützung und Finanzierung komplementärmedizinischer Forschung, besonders auch im universitären Bereich.
3) Die Etablierung eines breiten Angebots von Komplementärmedizin im Spitalsbereich, in der ambulanten aber auch stationären Patientenversorgung.
4) Die Förderung der aktiven Wissensvermittlung über Integrativ- und Komplementärmedizin innerhalb der österreichischen Ärzteschaft.
5) Die Sicherstellung komplementärmedizinischer Ärztekammer-Diplome.“

Der Antrag wurde am 21.12.2020 von der Freiheitlichen Fraktion eingebracht, an den Gesundheitsausschuss zur Beratung weitergeleitet, dort zur Beratung geplant. (Status 10.2.2021).

Der Antrag wurde eingebracht von den FPÖ-Nationalratsabgeordneten Mag. Gerhard Kaniak (Obmann des Gesundheitsausschusses des Parlaments, Apotheker), Peter Wurm (Unternehmer), Dr. Dagmar Belakowitsch (Medizinerin) und „weiteren Abgeordneten“.

Unterstützt wird der Antrag von Unterzeichnern der „Initiative Komplementärmedizin an den österreichischen Universitäten“ der Österreichischen Gesellschaft für Homöopathische Medizin, die seit 22. Juni 2020 Unterzeichner sammelt. Die Liste der Unterzeichner im Entschließungsantrag liest sich wie das „Who is Who“ der Pseudomedizinverfahren in Österreich – z.B. Homöopathie, Anthroposophische Medizin, Ozontherapie, Funktionelle Myodiagnostik (= Kinesiologie), Ayurvedamedizin, Orthomolekulare Medizin, TCM, etc.

Das im Entschließungsantrag zitierte Problem der Polypharmazie ist real, die Lösung kann jedoch nur auf medizinisch-wissenschaftlicher Basis beruhen. Dafür gibt es schon den Begriff „Deprescribing“. 
z.B. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33413822/ 
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7450772/
Die zusätzliche Anwendung eines wirkungslosen Nichts hat hier keine sinnvolle Funktion.

Auch ist es eine Selbstverständlichkeit, dass die medizinisch nicht indizierte Verschreibung von Medikamenten möglichst reduziert werden sollte. In der Ausbildung der ÄrztInnen sollte das genug Aufmerksamkeit erhalten. Nicht indizierte Medikation durch ein wirkungsloses Nichts zu ersetzen, ist wohl keine rationale Lösung.

Man kann sich auch des Eindrucks nicht erwehren, dass es im Entschließungsantrag eigentlich vor allem um die Homöopathie geht, die gefördert werden soll. Sie wird im Vergleich zu anderen Methoden überdurchschnittlich häufig erwähnt.

Wir sind der Meinung, dass es nicht die Aufgabe öffentlich finanzierter Krankenversicherungen ist (in den nächsten Jahren werden deren Einnahmen durch die Corona-Pandemie wahrscheinlich noch dazu sinken), das Geld der Versicherten für nicht nachweislich wirksame Therapien auszugeben.

Auch darf es nicht dazu kommen, dass eine Lobbygruppe für Pseudomedizin per Gesetz Universitäten vorschreiben kann, was der Stand der medizinischen Wissenschaft ist.

Update 24.3.2021 Der Antrag war auf der Tagesordnung der Sitzung des Gesundheitsausschusses am 18.3.2021, wurde aber in dieser Sitzung vertagt.